Biografische Daten 

Ferdinand Tönnies, Dr. phil.; Dr. jur. h. c. (Hamburg 1921); Dr. rer. pol. h. c. (Bonn 1927); Geheimer Regierungsrat; ordentlicher Professor an der Universität Kiel; Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie; seit 1894 Membre, seit 1899 Vizepräsident des Institut international de sociologie; Korrespondierendes Mitglied der englischen, ebenso japanischen Gesellschaft für Soziologie; Ehrenmitglied der Wiener soziologischen Gesellschaft und des Rumänischen Sozialinstituts, der Genfer Société de sociologie und der American Sociological Society; Mitglied des Ausschusses des Vereins für Sozialpolitik und des Ausschusses der Gesellschaft für soziale Reform; Sodalis extraordinarius der Societas Spinozana 1927; Präsident der Societas Hobbesiana 1929. — Geb. 26.7.1855 auf dem Hofe ,Die Riep‘ im Kirchspiel Oldenswort, Landschaft (jetzt Kreis) Eiderstedt; Herzogtum (jetzt Regierungsbezirk) Schleswig. — Urgroßvater väterlicherseits war Ratmann der Landschaft Eiderstedt; Großvater mütterlicherseits war Pastor Mau, Dr. theol. h. c., Ritter vom Danebrog. — Vater Hofbesitzer August 1. — Mutter: Ida, geb. Mau. — Verh. mit Marie, geb. Sieck, Tochter des Gutspächters 5. und dessen Gattin, geb. Davids, geb. 1865 auf dem Hofe Kirchmühl in Holstein. — Kinder: Gerrit, geb. 1898, Dr. phil., Chemiker in Philadelphia; Franziska, geb. 1900, verh. seit 1924 mit Dr. rer. pol. Rudolf Heberle, jetzt Privatdozent für Soziologie an der Universität Kiel; Jan Friedrich, geb. 1902, Dipl.-Ing. in Berlin; Carola, geb. 1904; Kuno, geb. 1907. — T. studierte nach der Reifeprüfung am humanist. Gymnasium in Husum von Ostern 1872 ab Philologie und Geschichte an den Universitäten Jena, Leipzig, Bonn, Berlin, Kiel und Tübingen, wurde Juni 1877 mit der Dissertation ,De Jove Ammone quaestionum specimen‘ zum Dr. phil. promoviert und ging dann zum — meist privatem — Studium der Philosophie und der Staatwissenschaften über. Das Studium des Philosophen Thomas Hobbes führte ihn zuerst im Spätsommer 1878 nach England, wo er in London, Oxford und im Schlosse Hardwick des Herzogs von Devonshire wertvolle Entdeckungen über Leben und Werke Hobbes‘ machte. Im Winter 1878 bis in den Sommer 1879 war er Mitglied des Statistischen Seminars beim Kgl. Preuß. Statistischen Büro und Schüler von Ernst Engel, Richard Böckh und Adolf Wagner; mit den beiden letztgenannten Gelehrten war er bis an ihr Lebensende freundschaftlich verbunden. Er begab sich dann wieder im Herbst 1879 an die Universität Leipzig in der Absicht, sich zu habilitieren. Diesen Gedanken gab er aber im Sommer 1880 auf, weil das Leben in Leipzig seiner Gesundheit nachteilig zu sein schien. T. habilitierte sich 1881 in der philosophischen Fakultät der Universität Kiel, wo ihm der o. Professor Benno Erdmann entgegenkam. Seine erste Vorlesung hielt T. im S.-S. 1882 über ,Naturrecht‘, gleichzeitig ,Übungen über die platonische Republik‘ und im nächsten W-S. eine Vorlesung über ,Spinozas Ethik‘. Nach dem Tode seines Vaters (1883) verweilte er teils bei der Mutter in Husum, teils auf Reisen, so 1883 in der Schweiz, 1884, 1886, 1888 jedesmal einige Wochen in London, 1888 auch in Paris, um dort Hobbes-Studien zu treiben. 1894 nahm T. nach seiner Heirat seinen Wohnsitz in Hamburg, 1898 in Altona, 1901 in Eutin. 1904 folgte er einer Einladung zur Weltausstellung in St. Louis, wo er einen Vortrag über ,Social Structures‘ im Arts and Sciences Congress hielt. — Mit Max Weber, Werner Sombart u. a. begründete er die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und wurde in das dreigliedrige Präsidium gewählt. Auf dem 1. Soziologentag 1910 in Frankfurt (Main) hielt er die Eröffnungsrede. Nach Rekonstruktion der Gesellschaft für Soziologie 1922 wurde T. deren Präsident. 1909 erfolgte seine Ernennung zum a. o. Prof., 1910 diejenige zum o. Honorar- und 1913 die zum o. ö. Prof. für wirtschaftliche Staatswissenschaften. 1916 wurde T. auf seinen Wunsch von den amtlichen Verpflichtungen entbunden, erhielt aber 1920 wieder einen Lehrauftrag für Soziologie. —Werke: ... Die rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät der Universität Hamburg ernannte ihn 1921 zum Dr. jur. h. c., während die Universität Bonn ihm die Würde eines Dr. rer. pol. h. c. verlieh. — T. ist Inhaber des finnländischen Freiheitskreuzes II. Klasse und des Verdienstkreuzes für Kriegshilfe.

Kiel, Niemannsweg 61.
(Von Ferdinand Tönnies selbst verfasster Lebensabriss aus: Reichshandbuch der deutschen Gesellschaft. 
Handbuch der Persönlichkeiten in Wort und Bild, Band 2, Berlin 1931, S. 1917—1918)

 

Ferdinand Tönnies (1855 - 1936)