Band 14 der TG

Vorwort

Die Ferdinand-Tönnies-Gesamtausgabe (TG) will die Gedankengänge und Analysen eines Autors wieder zugänglich machen, der die Soziologie als Einzelwissenschaft mit starken und dauerhaften Impulsen versehen hat und der fünfundzwanzig Jahre hindurch als Vorstandsmitglied und erster Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie die Disziplin maßgebend prägte. Sein wissenschaftliches Leben lang hat er auf die öffentliche Meinung eingewirkt, um soziologische Erkenntnisse bei der Gestaltung des Gemeinwesens wirksam werden zu lassen. Als exponierter Bürger war er oftmals öffentlich Handelnder und Behandelter zugleich. Die öffentliche Meinung war ihm auf diese Weise gleichermaßen Gegenstand, Gefahr und Gefährtin. 

In den Bänden TG 12, 13 und 14 werden die Veröffentlichungen des Zeitraumes 1919 bis 1922 ediert. In TG 14 wird ausschließlich die Monographie „Kritik der öffentlichen Meinung“ (KöM) wieder gegeben; wegen seines Umfangs erscheint das Werk separat. Es ist das seitenstärkste Einzelwerk von Ferdinand Tönnies. Als es 1922 in erster und einziger Auflage erscheint, ist es die weltweit gründlichste Untersuchung zum Gegenstand. 

Die Editoren wünschen sich, dass dieser Band der TG zumindest zwei Aufgaben erfüllen möge:

   Eine wissenschaftsanalytische, die den Leser in die Lage versetzt, die Bedeutung dieser Forschungen zur öffentlichen Meinung innerhalb des Gesamtwerkes von Tönnies und innerhalb der Paradigmenwechsel der Soziologie einzuschätzen; und

   eine operative, die allen im Meinungskampf stehenden Persönlichkeiten, den unternehmerischen Temperamenten, den Politikern, den Kommunikatoren und den für das Gemeinwohl engagierten Bürgern ein anspruchsvolles Lehrbuch an die Hand gibt, mit dessen Hilfe sie ihr öffentliches Wirken gestalten können.

Was will der Autor?

Ferdinand Tönnies hat in der Reinen Soziologie seiner „Gemeinschaft und Gesellschaft“ bereits 1887 aufgedeckt, dass die öffentliche Meinung in gesellschaftlichen Strukturbeziehungen jener regulierenden Kraft entspricht, die in gemeinschaftlichen Lebenszusammenhängen die Religion wahrnimmt. Religion und öffentliche Meinung lenken ein Gemeinwesen durch ihren jeweiligen sozialen Willen, die beide, obwohl inhaltlich unterschiedlich gefüllt, doch ähnliche Ordnungsfunktionen wahrnehmen. Während die singuläre Gestalt einer Religion als Glaube die Menschen wesenwillig aufnimmt – das Wort Glaube gibt es interessanterweise nur als Einzahl – sind Meinungen begründbare Urteile, die sich immer wieder neu vergleichen und verknüpfen und je nach Wissensstand und kürwilligem Interesse Menschen veranlassen, sich unter ihren Spruchbändern zu versammeln. Religion und öffentliche Meinung sind somit zwei Formen des sozialen Geistes, die die dramatische Ergänzung der ländlichen durch die immer deutlicher sich durchsetzenden städtischen Lebensformen begleiten. Fünfunddreißig Jahre später, nachdem er sich auch als empirisch arbeitender Soziologe einen Namen gemacht hat, legt er ein Werk vor, das die öffentliche Meinung zum alleinigen Gegenstand macht und ihm unter den Händen zur materialreichsten Untersuchung seiner Angewandten Soziologie geraten ist.

Nun verbreitert und vertieft er seine Entdeckungen. Die von ihm aufgebaute Spannung zwischen seinen historischen Strukturbegriffen „Gemeinschaft und Gesellschaft“ führt ihn dazu, „das enge und nahe Verhältnis, einerseits der Abhängigkeit und Verwandtschaft, andererseits des Widerspruchs und Gegensatzes zur Religion als einer Gesamtform des sozialen Willens“ (vgl. hier S. 90, 101, 255 ff. und 266 ff.) zu einem Hauptstück seiner Lehre von der öffentlichen Meinung auszuarbeiten und „mit Nachdruck“ zu betonen, dass die nach innen verbindende Kraft und der verpflichtende Wille von öffentlicher Meinung sich oft als sittliche Entrüstung und Unduldsamkeit gegen anders Denkende äußert.

Diese Entdeckung akzentuiert er, indem er das öffentlichen Meinen in zwei unterschiedliche Erscheinungsarten differenziert. Die öffentliche Meinung mit der Minuskel „ö“ tritt als Vielheit ver-öffentlichter Meinungen in Erscheinung, die als „Konglomerat mannigfacher und widersprechender Ansichten, Wünsche und Absichten“ um Anhänger kämpfen, wohingegen die Öffentliche Meinung, die Tönnies mit der Majuskel „Ö“ schreibt, von ihm als gedachte Versammlung aller Vernünftigen gesehen wird. Er erkennt sie als neuzeitliche Fassung der klassischen Gelehrtenrepublik und sieht sie deshalb wirksam als „einheitliche Potenz, als Ausdruck gemeinsamen Willens“ (vgl. hier S. 6).

Mit dieser Unterscheidung gelingt es Tönnies, einen typisch soziologischen Sachverhalt freizulegen. Während die öffentlichen Meinungen im Tageskampf stehen, wirkt die Öffentliche Meinung wie ein übergeordneter Gerichtshof. Dessen Richter sind allerdings nicht leibhaftig, sondern geistig versammelt, lenken aber dennoch mit ihren Geltungsansprüchen der Vernünftigkeit, der Lauterkeit und Ethik große Menschenmengen auf gleichsam unsichtbare Weise. Sie wirken überall im geistigen Leben einer Nation und durch diese hindurch mit beträchtlichem Einfluss. Immer wieder wird dieses Gericht von veröffentlichten Meinungen angerufen, denn mit seiner Unterstützung werden dunkle Machenschaften „ans Licht der Öffentlichkeit geholt“ und aufgeklärt oder es werden „im Namen der Öffentlichkeit“ weit reichende Entscheidungen getroffen und Interessen durchgesetzt. Entsprechend wird dieses Gericht geschätzt und gefürchtet, insbesondere von den wo und wie auch immer Mächtigen. Sie nutzen es für ihre eigenen Pläne und fürchten andererseits seinen Schuldspruch. Er stellt sie bei sittlichen Verstößen an den Pranger und verlangt von den Sündern Buße. Sogar zu strafen vermag dieses Gericht, indem es sie z. B. zum Rücktritt zwingt, noch bevor ein menschliches Gericht das Verfahren auch nur eröffnet hätte.

Andererseits belohnt es seine Helden mit Ruhm, so wie beispielsweise die großen und kleinen Erzieher, weil sie sich für Humanität und menschheitliche Werte einsetzen, und verleiht jenen Persönlichkeiten öffentliche Preise, die diese seine Vorschriften besonders beherzigen oder doch zumindestens lauthals loben. Gleichermaßen üben veröffentlichte Meinungen während eines Konfliktes beträchtlichen Druck aus, der Abweichler veranlasst, lieber zu schweigen. Ebenso kann die Öffentliche Meinung aber Dissidenten auch stärken. Auf diese Weise zeigt sich die öffentliche Meinung in ihren beiden Ausprägungen als Instrument neuzeitlicher Herrschaft: Die in einem Staat veröffentlichen Meinungen zu einem Thema ordnen als herrschende Teilmeinungen eine Bevölkerung zu Parteien. Die Öffentliche Meinung hingegen mit ihrem sittlichen Wahrheitsanspruch erzeugt mit ihren Inhalten eigenen Druck und widersetzt sich möglicherweise einer parteiischen Meinung aus der Perspektive einer gedachten Menschheit. Irgendwo lebende Menschen und als Einheit gedachte Menschheit, grobsinnliche und feinstoffliche, örtliche und ortlose, topische und u-topische Realität werden soziologisch in ihrem mal widerstreitenden, mal unterstützenden Machtkampf erkennbar. Die von Tönnies vorgelegte Ansicht liefert eine Theorie von Herrschaft unter – in seinem Verständnis – „gesellschaftlichen“ Bedingungen.

Bei der Behandlung dieser epochalen Erscheinung wiederholt Tönnies etwas, was ihm bereits bei seiner Beschäftigung mit den sozialen Bewegungen gelungen war: So wie er die Erwartungen der im 19. Jahrhundert erregten Atmosphäre um den Kommunismus in nüchterne Soziologie transformierte, die die Behauptung vom Übergang des Sozialismus in den Kommunismus als ideologisches Hirngespinst zu entlarven ermöglichte – der ursprüngliche Untertitel seines Erstlings lautet bekanntlich „Abhandlung des Communismus und Socialismus als empirischer Culturformen“ – so gibt er jetzt der erwarteten Brüderlichkeit einer sich immer weiter aufklärenden Öffentlichen Meinung durch seine Analyse Bodenhaftung. Er bettet die philosophisch erstrebte Gelehrtenrepublik in das Spannungsfeld des sozialen Leben ein und gibt damit Grund zum Zweifel, ob die Öffentliche Meinung den für die Zukunft der Kultur notwendigen Grad der Festigkeit erreichen kann. Wie in der Debatte zwischen Rationalismus und Historismus, so entwickelt er auch im Streit zwischen menschlicher Vernünftigkeit in Gestalt der Öffentlichen Meinung und örtlich interessierten Angelegenheiten in Gestalt der veröffentlichten Meinungen einen eigenen soziologischen Standpunkt.

Deutlich arbeitet er ihn heraus: Sowohl die Öffentliche Meinung als auch die vielfältigen veröffentlichten Meinungen entwickeln oft tyrannisch-regulative Kraft. Er zeigt, wie auch hier Sozialität und Asozialität zwei Seiten menschlichen Handelns sind, und illustriert, dass „die öffentliche Meinung in den Gebieten, worauf sie größeren Wert legt, ebenso unduldsam ist wie irgendeine Religion“ (vgl. hier S. 275) und auch, wie diese kollektiven Meinungen mit unterschiedlich starkem Druck die Handlungen von Menschen bestimmen. Er bezieht sich dabei immer auf den Sprachgebrauch und nimmt auch die Redewendung vom ‚Druck des Öffentlichen‘, von der Instanz des Öffentlichen ernst. Dies sei ihr allerdings, und hier trennt sich der Soziologe wieder vom Aufklärungsphilosophen, „bisher noch kaum in Selbsterkenntnis bewusst geworden“ (hier S. 8).

Indem er diese neuartigen Instanzen zum eigentlichen Gegenstand seiner Untersuchung macht und deren normative Kraft in soziologischer Klarheit vorführt, gelingt ihm seine zentrale Entdeckung. Sie sei in den Satz gefasst: Die Öffentliche Meinung ist die Religion der Neuzeit. Als Soziologe weiß er sehr wohl: Letzte Autoritäten sind notwendig, um, wo auch immer in Zeit und Landschaft, geordnete Sozialität zu sichern. Ohne Götter also geht es nicht. Allerdings belohnen und strafen auf dem Olymp der Öffentlichen Meinung keine überhöhten Personen wie in gemeinschaftlichen Strukturen, sondern von den Menschen inthronisierte Ideenfelder, so wie sie in den weltweit angemeldeten Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und menschlicher Würde zu gesellschaftlichen Werten geworden sind. 

 Deshalb beschäftigt ihn als Weltbürger auch die Entwicklungsmöglichkeit dieser neuzeitlichen Ordnungsmacht. Sollte es nicht doch möglich werden, „der Lichtmasse der Vernunft“ (vgl. hier S. 447) ihre asoziale Komponente zu nehmen? Der unerbittliche Beobachter fasst diese Hoffnung in den klassischen Konjunktiv einer regulativen Idee. Die Öffentliche Meinung tritt zwar für ethische Religiosität ein, unter der sie „den sittlichen Ernst und die Beziehung der Güter des Lebens auf Ewigkeitswerte“ versteht (vgl. hier S. 663), aber im Geschehen auf der Erdoberfläche ist sie als veröffentlichte unausweichlich immer auch örtlich-interessierter Teilwille. Die Verwirklichung ihrer sittlichen Inhalte in der Menschenwelt kann daher nur als ewige Forderung im Sinne eines kategorischen Imperativs erfolgen, nicht als reale Gesetzesvorschrift. „Eine Veredelung aller menschlichen Verhältnisse müsste daraus folgen [sic! man beachte den Konjunktiv], von der intimsten, der Ehe und Familie, bis zu den weitesten, allgemeinsten, die der Humanität sich eröffnen“, schreibt er dementsprechend im Nachlasstext „Neue Botschaft“ (vgl. Cb 54.34: 38, S. 18, erneut in TG 23). Er übergibt diesen klassischen Inhalt des Begriffs der öffentlichen Meinung seiner „Neuen Botschaft“ allerdings nicht den Öffentlichen Meinungen seines Tages, sondern verschließt das Manuskript im heimischen Schreibtisch. Vielleicht deshalb, weil der Soziologe es sich versagt, den Propheten zu spielen und erst einmal nüchtern sieht: „Daß sie [diese Verhältnisse] verwirklicht werden, glauben wir nicht“ (vgl. S. 669).

Wie geht der Autor vor?

Tönnies dringt mit dem für ihn charakteristischen sozialanthro­pologischen Scharfsinn in diese Zusammenhänge ein. Nachdem er „Glauben“ und „Meinen“ als zwei Arten des Wollens soziologisch gründlich ins Verhältnis gesetzt hat, konzentriert er sich auf letzteres, insbesondere in dessen kollektiver Form des gemeinsamen, und sodann öffentlichen Meinens. Es war ihm in Gestalt von Buch, Zeitung, Flugblatt, Litfasssäule, von öffentlicher Rede im Parlament und Theater bekannt. Er sieht jedoch dessen Dynamik voraus, die durch Kino, Radio, Fernsehen und Internet zur Explosion der Massenpublizistik wird, wie man treffend jene Bindungsenergien des veröffentlichten Meinens nennen kann, die große Mengen Menschen zu mehr oder weniger tatkräftigen Massen verbindet.

Sein Werk baut er nach mittlerweile klassisch gewordenem Muster auf. Im ersten Buch herrschen „die Bedingungen eines streng begrifflichen und kritisch-logischen, oder dialektischen Denkens“ um „den Begriff der öffentlichen Meinung zu gestalten“ (vgl. S. 7), im zweiten „größeren Teil werden Anwendungen der Lehre gegeben“ (vgl. ebd.) und Belege zur empirisch-induktiven Stützung des Sachverhaltes vorgelegt. Neben der bereits genannten funktionalen Äquivalenz von Religion und Öffentlicher Meinung sind unter den vielen exzellenten Beobachtungen zwei weitere hervorzuheben.

Erstens trennt Tönnies Stimmungsmassen von Meinungsmassen. Volksstimmungen sind impulsiv, dumpf und undifferenziert, öffentliches Meinen hingegen wird durch seinen Urteilscharakter durchsichtig, nachvollziehbar und kann durchaus von Dauer sein. Alle Formen des kollektiven Geltens stehen in Wechselwirkung; aber erst das veröffentlichte Urteil gibt einer Volksstimmung gerichtete Bewegungskraft. Wenn ein Massegefühl nicht nur situative Explosion bleibt, sondern übertragbare Argumentation geworden ist, kann es sich zur andauernden Urteilskraft verdichten. Die Öffentliche Meinung als mittlerweile weltweit präsente und sich vielerorts sogar institutionell durchsetzende Meinung ist auf diese Weise zum „Subjekt der Moralität“ geworden, wie der Soziologe später formulieren wird (vgl. Tönnies 1931: 241, TG 21), also zu so etwas wie dem tätigen Gewissen der Menschheit.

Tönnies unterscheidet zweitens in seinem Gegenstand drei Aggregatstufen des öffentlichen Meinens (vgl. hier insbesondere. S. 165-167) die er jeweils im „sozial-ökonomischen“, „politisch-rechtlichen“ und „geistig-sittlichen“ Gebiet wirksam sieht: die luftartige, die flüssige und die feste Gestaltung. Sie unterscheiden sich in ihrem inhaltlichen Druck auf die einzelnen Gemüter, oder, wie Tönnies es auch bewusst fasst, in ihrem physikalischen momentum (vgl. S. 348). Ein Beispiel innerhalb der festen Aggregatstufe ist die Idee der Freiheit. Sie gilt besonders im sozial-politischen Leben und hat sich als festes Muster in gesellschaftlichen Strukturen, in Verfassungen und Gesetzen, etabliert. Wer ihr widerspricht, bekommt öffentlich Ärger. Als Ideenfeld der Menschenrechte mit seinem Recht auf individuelle Leistung stellt es heute einen einheitlichen Willen von weltweitem Anspruch dar. Ein flüssiges Ideenfeld im politisch-rechtlichen Bereich ist die sog. Frauenfrage. Durchaus gilt weithin die Auffassung, dass Frauen die gleichen Rechte besitzen sollten wie Männer. In vielen Bereichen rechtfertigen bestimmte veröffentlichte Meinungen jedoch ihre ungleiche Behandlung. Der soziale Wille ist (noch) uneinheitlich und seine Kraft daher weniger verpflichtend. Möglicherweise könnte dieser fluide Zustand in einen festen überführt werden, wenn nicht auch tiefe, gemeinschaftliche Muster sich energisch dagegen sträubten. Beispiele für den luftartigen Zustand in geistig-sittlichen Lebenszusammenhängen sind Meinungen des Tages, die sich über Personen und ihre Lebensführung empören und ebenso rasch wieder vergessen werden. Hier ist das Urteil zwar laut, aber flüchtig.

Diese Aggregatstufen sind ständig miteinander verwoben, schließlich handelt es sich bei dem, was sie verdichten, um die feinstoffliche Materie des denkenden Menschenwillen. Wenn dessen élan vital zum Urteil kristallisiert und öffentlich verbreitet wird, kann er Mengen von Einzelnen zu Massen binden. Diese seine Analyse voluntaristischer Prozesse ermöglicht es Tönnies, die verschachtelten Dichteformen im Meinungskampf eines Leitartikels oder einer Parlamentsrede zu identifizieren und beispielsweise die Frage zu klären, wie viel oder wie wenig Öffentliche Meinung in einer veröffentlichten Meinung enthalten ist. Das große Beobachtungsfeld seiner Gegenwart, der Erste Weltkrieg, gibt ihm dazu reichlich Gelegenheit. Der Soziologie arbeitet bei diesem Zugriff auf Meinungskämpfe ideengeschichtliche Aspekte ebenso ein wie organisationssoziologische Vorgänge bei der Nachrichtenübermittlung. Letztlich geht es ihm bei der Identifizierung des jeweiligen Anteils von Dichtestufen in einem gegebenen Meinungskampf allerdings um Prognosen über die Vitalität von Argu­mentationsweisen. Als ein Ergebnis seiner Arbeiten ist festzuhalten, dass Lügen à la longue immer kürzere Beine bekommen und dass die Aufklärung, bei aller soziologischer Skepsis, doch auch voran kommt. Da feste Inhalte der Öffentlichen Meinung inzwischen über Resonanz verfügen, sind deren Ideenfelder durchaus geeignet zum Aufbau von öffentlichem Vertrauen, wie er im Schlussabschnitt über die Zukunft der öffentlichen Meinung ausführt. Volatile Meinungen des Tages haben häufig andere Ziele, können aber ohne Folgen verpuffen. Der Autor sieht in diesem Gebiet weiterhin gute Möglichkeiten für die Durchsetzung wissenschaftlicher Standards, und zwar sowohl bei der Analyse von Zusammenhängen als auch beim Entwickeln von nachhaltigen Kommunikationsstrategien.

Tönnies bringt in seiner Darstellung erhebliche Materialmengen zum Einsatz. Er hatte nach 1887, nach seinem Jugend- und Hauptwerk, Jahre hindurch faktenorientiert gearbeitet und sich eine Haltung angeeignet, die ihm für damalige Verhältnisse empirische Spitzenforschung ermöglicht. Er verfügt weder über Handbücher der öffentlichen Meinung, noch über umfangreich strukturierte Archive mit Sammlungen zeitgenössischer Alltagsquellen wie Reden, Zeitungen oder Flugblätter. Auch gibt es noch keine ausgearbeitete Methodologie der sozialwissenschaftlichen Forschung und keine spezifischen Methoden, wie etwa die content analysis, erst recht keine Medienstatistik. Der Autor steht bei seinen Gegenwartsanalysen mitten im Geschehen und verfolgt mit kategorialem Spürsinn die nationalen und internationalen Zeitungen, die aktuellen und historischen Parlamentsprotokolle sowie andere Archivmaterialien und entdeckt aussagekräftige Befunde. Seine Sprachkenntnisse sind dafür ebenso Voraussetzung wie seine methodologischen Erkenntnisse, die er als „Soziographie“ in die Methodenlehre einführt: Rigorose Offenheit des wissenschaftlichen Denkens, das sich induktiven Impulsen des Wirklichen aussetzt, um Wirklichkeit zu formulieren.

Welche Erfahrungen machten die Editoren mit dem Text?

Die Arbeit an diesem Band war eingebettet in universitäre Lehrveranstaltungen, die die analytische Leistung des Wissenschaftlers Tönnies auf die Probe zu stellen ermöglichten. Die Konfrontation mit den unterschiedlichen Medienstrukturen im geteilten Deutschland und den Meinungskämpfen in der wieder vereinigten Republik mit ihren Größen und Blößen, mit ihren Qualen und Skandalen zeigte meinen Studenten, wie mit dem soziologischen Systematiker Tönnies das Tagesgeschehen sozialwissenschaftlich zu verstehen ist, und führte die angehenden Journalisten, Wirtschaftsverantwortlichen und opinion leader in die soziologische Tiefenstruktur ihrer Berufe ein. 

Mit einem solchen Schatz umzugehen, verpflichtet. Die Nachweisstellen veranschaulichen, welche Arbeit nötig war, um den editorischen Prinzipien der TG bei diesem Band 14 Genüge zu leisten. Wer der Arbeitsweise eines großen Geistes auf die Spur kommen will, muss sich auf dessen Gedankengänge einlassen und wird in Hintergründe eingeführt, die sich manchmal zu Landschaften öffnen. So manch ein Zitatverfolger hat sich bei der Suche nach dem Ursprung eines Textes in der literarischen Quelle zu fesselnder Lektüre verleiten lassen. Edieren verlangt höchste Ausdauer – aber es bildet auch. Tönnies zitiert im gedanklichen Teil wenig, im empirischen Teil unerhört viel. Die meisten fremdsprachlichen Texte übersetzt er selber. Die geschichtliche Dimension seines Werkes unterstützt eine breite Versammlung von Autoren, die er erstmals in dieser aktuellen Fragestellung zusammenführt. Es geht ihm dabei nicht um Faktensammlung. Er komponiert vielmehr Hunderte von Details zu einer begrifflich strengen soziologischen Strukturanalyse der Neuzeit. Da er die Wirkweise des öffentlichen Meinens zeigen will, zieht er auch Tagesschriftsteller aus vielen Nationen heran, was die Editoren wahrlich vor ernste Probleme stellte.

Wie arbeiten Kommunikatoren?

Voir pour savoir, savoir pour prévoir, prévoir pour prévenir – in seinem großen Essay über August Comte arbeitet Tönnies diese „positive“ Haltung des französischen „Ingenieurs des Sozialen“ und Dozenten der École Polytechnique heraus, weil er sie auf seine Weise lebt. Immer wieder mischt er sich an wichtigen Stellen des öffentlichen Geschehens in Deutschland als soziologischer Experte ein. Während des Hamburger Hafen­arbeiterstreiks (1896/97) gibt er soziologische Stellungnahmen ab und schon vor dem Wahlkampf 1932 warnt er in Zeitungen vor Adolf Hitler. Oft ist er öffentlich Handelnder und Behandelter zugleich und provoziert auf diese Weise selber die Gründe, wegen derer die preußische Kultusbürokratie ihm erst im Alter von achtundfünfzig Jahren eine ordentliche Professur anvertraut und die die Besoldungsverwalter des nationalsozialistischen Staates veranlassen, dem Achtundsiebzigjährigen die Pension zu entziehen. 

Tönnies publiziert viel in der periodischen Presse (vgl. Fechner 1991) und wendet sich an das Subjekt der öffentlichen Meinung – an das gebildete Publikum. Er versteht darunter Menschen, die reflektierte Bewusstheit anstreben, auch wenn nicht jeder von ihnen öffentlich Meinungen verbreitet. Während die Religion mittels ihrer poetischen Gestalten ordnet, lenkt die öffentliche Meinung über „klügelnde, vornehm-kühle Individuen“, wie er 1887 in „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (3. Buch, § 30) formuliert. Diese öffentlich Meinenden tragen Verantwortung, denn die öffentliche Meinung ist „eine Form des geistigen Lebens einer Nation [und] so wirken auf sie alle Elemente dieses geistigen Lebens“ (s. hier S. 667).

Um diese Einwirkungen zu fördern, sei an dieser Stelle der Versuch unternommen, Tönnies’ Erkenntnisse zu Handlungsempfehlungen zu verdichten, wie ich sie in der Lehre weiterzugeben mich bemüht habe und sie den Kommunikatoren für ihr Tagesgeschäft ans Herz legen möchte:

   Stelle eine Meinung, die wirken soll, so dar, dass sie in eine möglichst feste öffentliche, wenn möglich in die Öffentliche Meinung einschwingt, denn nur so verliert sie ihre Parteilichkeit und nutzt die geschichtlich aufgebauten Energien des Öffentlichen. 

    Tust Du dies aus Opportunismus, bedenke, dass sich die Öffentliche Meinung nicht lange über die Unwahrheit solcher Darstellungen täuschen lässt und Deine nur taktischen Beweggründe entlarvt.

   Wisse was Du tust, wenn Du im Überlebenskampf negative Vorurteile gegen den Feind mobilisierst, denn die ausgelösten kollektiven Energien sind schwer zu kontrollieren. Was Du an momentaner Stärke gewinnst, kann durch einen entsprechenden Gegenangriff rasch wieder verloren gehen. 

   Bist Du im öffentlichen Amte, vergegenwärtige Dir, dass die öffentliche Meinung, welcher Art auch, stärker ist als Du, und also achte darauf, dass sie für Dich arbeitet; wenn sie gegen Dich tätig wird, bist Du (meistens) verloren.

   Lenke das öffentliche Meinen auf das Lebendige, damit die Schätze der Menschheit entfaltet werden und das Schöne und Wahre, die Inhalte der Öffentlichen Meinung, die Menschen dauerhaft bindet. Der wertfördernde Umgang mit öffentlichem Vertrauen ist allerdings eine schwierige Aufgabe, die tiefes soziologisches Verständnis erfordert. 

Die Kommunikationswissenschaften erhalten kräftige Unterstützung durch diese Soziologie, ebenso die Ökonomie und ihr Gegenstand: das unternehmerische Handeln. Das Verständnis der öffentlichen Meinung als sozialer Wille erlaubt es, viele isoliert betrachtete kommunikative Vorgänge als kollektiven Ordnungsprozess zu erkennen, der Sozialität bildet, also beispielsweise freiwillige Kundschaften. Die Eigenart dieser gesellschaftlichen Erscheinung ermöglicht es, feste Aggregatstufen als Resonanzfelder zu nutzen und mit deren sozialer Energie zu kooperieren. Die Arbeit in die richtige Richtung ist wichtig, denn Tönnies gibt der öffentlichen Meinung letztlich eine zentrale Funktion im sozialen System, wenn er meint: „Die Zukunft der öffentlichen Meinung ist die Zukunft der Kultur“ (vgl. hier 662) 

Wem ist zu danken?

Der größte Dank gilt dem Autor. Ich habe meine soziologischen Ansichten von den Tönniesschen Entdeckungen her entwickelt. So ist dieser Band auch das Ergebnis einer fünfundzwanzigjährigen Geistesfreundschaft. 1982 konnten wir die Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle am Institut für Soziologie der Universität Hamburg gründen, die ihre Aufgabe im aktiven Einsatz der tönniesschen Instrumente zur Gestaltung des gegenwärtigen Gemeinwesens sah. Zur Forschung über kam die Arbeit mit Ferdinand Tönnies und verdichtete sich schließlich für mich zur Markensoziologie, die heute als wissenschaftlicher Hintergrund für strategische und operative Markenführung eingesetzt wird, wie das Institut für Markentechnik in Genf sie lehrt und praktiziert. 

Dr. Jürgen Zander, verständnisinniger Aufbereiter des Ferdinand-Tönnies-Nachlasses, griff meine Idee zu einer Neuausgabe des verwahrlosten Werkes auf und übernahm 1980 einen ersten Lehrauftrag zu diesem Thema am Institut für Soziologie der Universität Hamburg. Durch ihn ist die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek auch mit diesem Band auf das Engste verbunden. Dank gebührt ihm auch für die Hilfe bei der Entschlüsselung von Nachlasstexten. Viele Modifikationen durchliefen die editorischen Konzepte, bis unter der energischen Federführung von Lars Clausen das Ganze schließlich jene Gestalt annahm, in der der hier vorgelegte Band 14 eine Komponente ist.

Zu danken ist der Familie Tönnies, die sich selbstlos wie immer auch den Bearbeitern dieses Bandes zur Verfügung stellte; dem Verlagshaus Walter de Gruyter & Co., das mit der Übernahme der Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe seine international anerkannte Editions-Tradition fortsetzt und auch diesen Band mit verlegerischem Mut schön gestaltete; der Universität Hamburg, die über das Institut für Soziologie zwei Jahrzehnte hindurch die Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle ermöglichte; der Hamburgischen Wissenschaftlichen Stiftung, die auf Initiative des Direktors des Hamburgischen Museums für Kunst und Gewerbe, Prof. Dr. Wilhelm Hornbostel, in einem entscheidenden Augenblick den zähen Arbeiten finanziell unter die Arme griff; der „Stiftung 200 Jahre Sparkasse Kiel“, die im Hintergrund unterstützend wirkte, und dem Land Schleswig Holstein, das über die gewissenhafte Förderung der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft e. V. in der Universitäts- und Landeshauptstadt Kiel mit der Tönnies-Gesamtausgabe über den genius loci substantiell verbunden ist.

Die ungezählten Haus- und Examensarbeiten zum Thema „Öffentliche Meinung“, die Hilfen und Handreichungen der vielen klugen Studenten an meinem Lehrstuhl gehen ein in diesen Band wie die Meißelschläge der namenlosen Steinmetze in die Gestalt einer Kirchenfassade. Fünf aber seien genannt, in der chronologischen Folge ihrer belebenden Mitarbeit: Dank an die Diplom-Soziologen Christiane Jess, Henning Meyer, Christian Prill und Ivonne Buhr sowie an den Diplom-Pädagogen Paul Weidmann. Für die Hilfe beim Korrekturlesen sei Angela Leifeld und Swana Runge, für die Unterstützung bei der Literaturrecherche Dr. Arno Mohr und Frank Osterkamp gedankt. Nochmals Dank gebührt Lars Clausen, dessen Aufmerksamkeit und Wissen sich wie immer gewinnbringend auswirkten. Ein Dankeschön! auch an die vielen ungenannten Mitarbeiter zahlreicher Archive, Staats- und Universitätsbibliotheken weltweit, ohne die unsere Arbeit nicht zu leisten gewesen wäre. 

Besonders eindringlich bedanke ich mich allerdings bei Dr. Rolf Fechner und Dr. Rainer Waßner. Wem akademische Schüler als Freund und eigenwillige Kollegen so lange verbunden bleiben, darf sich auf eigene Weise geehrt fühlen. Ohne ihren professionellen und hartnäckigen Einsatz während der letzten Jahre wären die Aufgaben dieses Bandes nicht zu lösen gewesen. Dass beide bei der Gründung der Ferdinand-Tönnies-Arbeitsstelle schon einmal entscheidend mitwirkten, zeigt, wie der Geist der Beständigkeit unseres Helden auch die beseelt, die ihm dienten. Deshalb sei an dieser Stelle auch meines längst verstorbenen Deutschlehrers Dr. Rudolf Ibel gedacht, der uns nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges auf dem Christianeum in Hamburg-Othmarschen das Staunen über die Leistungen der Klassiker lehrte, unter denen mir zum ersten Mal Ferdinand Tönnies begegnete.

Ein ganz anderer Dank sei schließlich vorhergesagt – der Dank jenes geneigten Publikums, das, als tätiges Subjekt der Öffentlichen Meinung mit diesem Gedankenmaterial ausgestattet, die eigene Aufgabe klarer zu erkennen in die Lage versetzt wird: Durch die Gestaltung des öffentlichen Meinens die schöpferischen Leistungen von Einzelnen und Völkern zu kräftigen. Es wird dafür einem großen Deutschen Anerkennung zollen, der in diesem Buch die oft flüchtige Form des Meinens mit strenger begrifflicher Zucht behandelt – der allerdings für die Lust durchdringender Erkenntnis den Schweiß des beharrlichen Schülers verlangt.

Achtzig Jahre nach der Erstveröffentlichung erweist sich das Buch als Klassiker: Es ist immer noch das soziologischste Werk zum Thema.

Hamburg und Jork, Ostern 2002 Alexander Deichsel