Die Sphären der sozialen Realität

Für Ferdinand Tönnies wie für die übrigen Pioniere der Soziologie bildete die Erfahrung der sich durchsetzenden Industrialisierung die Voraussetzung für die Entwicklung ihrer soziologischen Konzeptionen. Jeder dieser frühen Soziologen hat aus dem historischen Wandlungsprozess eine dominierende Frage für sein Werk abgeleitet. Im Briefwechsel mit dem dänischen Philosophen Harald Höffding charakterisiert Tönnies sein ursprüngliches Erkenntnisziel: Sein Thema ist es, ,,die Begriffe eines natürlich-kunsthaften und vernünftigen sozialen Lebens und Individualwillens auf der einen Seite, eines zum blossen Mittel und zur grossartigen Machinerie gestalteten — vervollkommneten und erniedrigten, — sozialen Lebens und Willens auf der anderen Seite, in möglichster Schärfe“ darzustellen (Brief vom 6. Juli 1897). Seine begriffliche Analyse sollte die beiden Sphären der sozialen Realität, eben die absichtsvoll hergestellte liberale und kapitalistische Gesellschaft und den Gegentypus, die historisch gewachsene Gemeinschaft, auf einem vergleichbaren Niveau wissenschaftlicher Genauigkeit erfassen können. Im Falle der Gemeinschaft steht das Gemeinwohl im Vordergrund, im Falle der Gesellschaft der individuelle Nutzen. Beide Typen beruhen aber auf individuellen Willensakten wechselseitiger Bejahung. Vernunft und Willen stehen jedoch in einem unterschiedlichen Verhältnis zueinander. Mit diesem Grundtheorem von Gemeinschaft und Gesellschaft formuliert Tönnies das Hintergrundproblem der gesamten sozialphilosophischen Tradition.

Die Gedanken, die er in seiner Kritik des Rationalisierungsprozesses entwickelt, bieten nicht nur theoretische Ansatzpunkte und ein begriffliches Instrumentarium für eine Kritik und Fortsetzung der heutigen Debatte um die Wiedergewinnung der gemeinschaftlichen Dimension unter den Bedingungen der gesellschaftlichen Moderne. Sein aus dem Theorem von Gemeinschaft und Gesellschaft entwickeltes ,,System der Soziologie“ mit der Fundierung der Sozialverhältnisse in Bewusstseinsdispositionen bietet innerhalb der Tradition seines Faches eine prinzipiell alternative Ausgangsposition.

Für Tönnies war die intellektuelle Signatur der Moderne gekennzeichnet durch Denker wie Thomas Hobbes, der ,,das Herannahen des Reiches der Vernunft, des Lichtes, der Aufklärung“ verkündete, und Auguste Comte, ,,der, an der Hand Saint-Simons, tiefer blickt als die Historiker“, sowie durch Spinoza, Leibniz, Kant, Schopenhauer und Herbert Spencer, ,,der dadurch hervorragt, dass er, ganz erfüllt von den Begriffen des Werdens und Vergehens, die ganze organische Entwicklung in den Vordergrund der naturwissenschaftlichen Erkenntnis stellt“. Die epochale Idee der Gestaltung eines zukünftigen geistigen und sozialen Lebens, in der zugleich ,,das dialektische Prinzip des Denkens enthalten“ ist, dem Hegel einen ,,monumentalen Ausdruck“ verliehen hatte, versuchte Tönnies weiter zu entwickeln: ,,Wenn das 20. Jahrhundert philosophisch etwas leisten will“, formulierte der 4Ojährige in der Würdigung des Thomas Hobbes seine eigene Verpflichtung, ,,so wird es diese Keime entfalten müssen.“ Für ihn waren dafür noch von besonderer Bedeutung die Hobbessche rationale Naturrechtslehre, die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie, die rechtsethnologischen Forschungen Maines und Gierkes Darstellung der Geschichte des Genossenschaftsgedankens.

Eduard Georg Jacoby, Tönnies‘ erster Biograph, beantwortete 1971 die Frage, warum die seit dem 16. Jahrhundert vorbereiteten Keime bisher ,,nicht resolut gepflegt und entfaltet worden sind“, einerseits mit der wachsenden ,,Entfesselung einer rein empirischen Denkweise“, die in der Soziologie ,,zu einer merkwürdigen Verengung des wissenschaftlichen Interesses geführt hat“, und andererseits mit dem ,,Emporschnellen einer idealistisch lebensphilosophischen Richtung  worin der Irrationalismus wucherte“.

Erste allgemeine Einblicke in Ferdinand Tönnies‘ spezifische Kritik der Moderne, die gerade nicht in einen Traditionalismus zurückfällt, gaben nach Tönnies‘ Tod 1936 und dem ,,Grabgesang“ anlässlich seines 100. Geburtstages 1955 erst wieder zwischen 1980 und 1987 drei internationale Tönnies-Symposien in Kiel. Sie zeigten auch, dass kaum Gelegenheit besteht, seine heute aktuell werdenden Texte vor dem Hintergrund eines gesicherten und präsenten Oeuvres zu lesen. Mitte der achtziger Jahre begannen deshalb erste Bestrebungen, die Tönnies-Forschung zu institutionalisieren, als die Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft e. V. in Kiel und am Institut für Soziologie der Universität Hamburg die spätere Ferdinand­Tönnies-Arbeitsstelle sich der Erschließung und Förderung des wissenschaftlichen Werkes des Nestors der deutschen Soziologie annahmen.

 

Lokalkultur und Weltgesellschaft

Aus der Landschaft Eiderstedt in Schleswig-Holstein stammen drei bedeutende Gelehrte des 19. Jahrhunderts: der Historiker Theodor Mommsen aus Garding (1817—1903), der Chirurg Friedrich von Esmarch aus Tönning (1823—1908) und der Soziologe, Philosoph und Staatswissenschaftler Ferdinand Tönnies aus Oldenswort (1855—1936). Tönnies war einerseits, wie verschiedene Interpreten übereinstimmend feststellten, von der tiefen Bindung an seine Heimat, seine Herkunft, seine Familie, von den Sitten und der Kultur Schleswig-Holsteins durchdrungen. Andererseits sah er die Zukunft der gesellschaftlichen Entwicklung in einer Weltrepublik; war er dem Ideal einer humanen, traditionsübergreifenden, Zwecke und Ziele frei stiftenden Internationalität von Freien und Gleichen verpflichtet. Diese Spannung zwischen zwei Polen, die auch sein berühmtes ,,Gemeinschaft-Gesellschaft-Theorem“ auszeichnet, spiegelt sich in seinem Charakter wider. Tönnies war, um nur ein Beispiel zu nennen, ebenso langjähriger Vorsitzender des Literaturclubs seines Wohnortes Eutin wie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Sein Briefwechsel gibt eindrucksvoll Zeugnis, dass seine epistolographischen Kontakte sowohl weltweit wie ausgesprochen regional gefärbt waren.

,,Lokalkultur und Weltgesellschaft“ — dies ist der Spannungsbogen seines wissenschaftlichen und persönlichen Strebens, der nun, auf den Gegensatz ,,Separatismus und Globalisierung“ verdichtet, die Signatur des bevorstehenden Jahrhunderts darzustellen scheint. So lag es nahe, das Regionale im Geistigen zu verorten: Tönnies‘ Herkunft als Sohn eines Großbauern, ,,seine Verwurzelung in Husum als geistiger Lebensform, die wesentlich von seiner Freundschaft mit Theodor Storm bestimmt war, haben ihm in einem der Randgebiete des späteren Deutschen Reiches auch geographisch ein Refugium für seine Kritik an den sozialen, politischen und kulturellen Zuständen des Kaiserreiches geboten. Sein Denken ist gleichsam noch im letzten Abendlicht der Welt des alten Bürgertums aus der Zeit vor Hochindustrialisierung, Reichsgründung und Weltpolitik herangewachsen“, konstatiert der Tönnies-Forscher Cornelius Bickel.

Der starke Rückhalt seiner ländlichen Heimat und seine intensive Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen des sozialphilosophischen und wissenschaftlichen Denkens der damaligen Zeit begründeten beide seine Unabhängigkeit gegenüber dem Zeitgeist ebenso wie eine spezielle Form von Modernität, die ihn zu einem der großen Aufklärer werden ließen. Lars Clausen und Carsten Schlüter resümierten anlässlich des III. internationalen Tönnies-Symposions: ,,Tönnies‘ Werk bietet forschungslogisch das Gegengift einer Gemeinschaftsapologetik, und seine skeptische Geschichtsphilosophie, die gleichwohl an der Aufklärung festhält, verzeichnet bereits im 19. Jahrhundert klare Einsichten in die ,Dialektik der Aufklärung‘.“

 

Editorische Richtlinien

Auf der Grundlage der geleisteten Vorarbeiten wurde eine Tönnies-Gesamtausgabe (TG) in 24 Bänden entworfen. In dieser kritischen Gesamtausgabe werden die veröffentlichten authentischen und autorisierten deutschen und fremdsprachigen Texte sowie Werke aus dem Nachlass, sofern sie die Form literarischer Selbständigkeit haben, aufgenommen. Nichtauthentische und nichtautorisierte Diskussionsbeiträge, mitunterzeichnete Aufrufe, Vereinsverlautbarungen oder Preisausschreiben bleiben dagegen grundsätzlich unberücksichtigt. Ebenfalls nicht aufgenommen werden Übersetzungen in fremde Sprachen, sofern die Übersetzung von Tönnies nicht selbst erstellt bzw. autorisiert wurde.

Um die — nie ganz vermeidbaren — Interpretationen der Herausgeber bei der Formierung des Textkorpus zumindest weitgehend zu zügeln, wurde auf eine Gliederung nach Sachkriterien, also auf das sogenannte Pertinenzprinzip, verzichtet. Die chronologische Orientierung bietet eine weitgehende Objektivität und Neutralität für den Aufbau der Ausgabe. Überhaupt strebt die IG eine zurückhaltende Kommentierung an —auch um die Realisierung der Edition nicht zusätzlichen Unwägbarkeiten zu überantworten. Eine der TG zugeordnete Begleitreihe unter dem Titel ,,Tönnies im Gespräch“, die ebenfalls im Verlag Walter de Gruyter erscheint, soll Studien und Entwürfe zu einer ,,Tönnies-Forschung“ präsentieren und die Edition von ausführlichen textspezifischen Informationen entlasten.

Die ersten 22 Bände der TG beinhalten die veröffentlichten Texte Tönnies‘, der 23. Band enthält Schriften aus dem Nachlass, der letzte Band die Gesamtregister und -verzeichnisse. Innerhalb eines Bandes werden die edierten Texte nach drei Textsorten — nach Monographien, Schriften und Rezensionen — unterschieden. Innerhalb jeder Textsorte gilt wiederum das chronologische Prinzip. Bei von Tönnies veröffentlichten Schriften ist das Erscheinungsdatum, bei nachgelassenen das Entstehungsdatum entscheidend. Autorisierte fremdsprachliche Texte werden übersetzt; sie gelten jedoch grundsätzlich als Varianten, wenn zusätzlich auch eine deutsche Fassung des Textes vorliegt.

Neben den edierten Texten enthalten die Bände Inhaltsverzeichnis(se), ein Abkürzungs- und Siglenverzeichnis, einen Erläuterungs- und Variantenapparat sowie Personen-, Literatur- und Sachregister. Der editorische Bericht gibt knappe Auskunft über die Quellenlage, die Materialbeschaffenheit, den Autorisierungsgrad und die Autorenkorrekturen. Hier kann ferner die Entwicklung und Bedeutung der einzelnen Quellen für das Gesamtwerk oder einer Zeitspanne offen gelegt werden, ohne dass eine kommentierende Dimension überhand nehmen soll.

Grundsätzlich wird nicht in die edierten Texte eingegriffen. Ausnahmen gibt es nur bei typographischen Normierungen (z. B. Fußnotenzeichen, die für jeden Text durchgezählt werden), bei drucktechnisch bedingten Schreibweisen (z. B. durch Fraktur), die im editorischen Bericht pauschal ausgewiesen werden, und bei Textverderbnissen. Letztere sind offensichtliche, zweifelsfreie Druckfehler (z. B. Blockaden), die ohne Nachweis korrigiert werden. Keinesfalls Textverderbnisse sind sprachliche, orthographische oder grammatikalische Eigenarten Tönnies‘ (z. B. ,,Stat“ statt ,,Staat“ oder ,,Noth“ statt ,,Not“). Verschiedene Arten der Hervorhebungen (kursiv, halbfett, unterstrichen, gesperrt usw.), auch innerhalb eines Textes, werden vereinheitlicht. Hervorhebungen durch besondere typographische Zeichen (Asterisken, Anführungszeichen und dgl.) werden belassen. Fremdsprachliche Sonderzeichen werden beibehalten. Eingriffe des Herausgebers in den Text sind ansonsten im Apparat ausgewiesen. Dies gilt nicht für typographische Vereinheitlichungen der Überschriften usw., Hervorhebungen und drucktechnisch bedingte Schreibweisen und typographische Eigenarten, die in der Edition normiert sind. Grundsätzlich werden alle Texte unabhängig von der Vorlage in einer Schriftart gedruckt. Von Tönnies angelegte Druckfehlerverzeichnisse werden eingearbeitet und im Apparat nachgewiesen. Zweck der Eingriffe ist nicht, eine Textdynamik zu dokumentieren, sondern die Eindeutigkeit der Aussage zu bestimmen.

Tönnies‘ Zitate werden überprüft und im Apparat korrekt wiedergegeben, sofern sie unvollständig oder fehlerhaft sind; besonderes Zitierverhalten seitens Tönnies‘ (z. B. willkürliche, nicht sinnentstellende Veränderungen der Kommasetzung) kann ggf. pauschal im editorischen Bericht notiert werden, um eine Apparathalde zu vermeiden. Kann ein Zitat nicht nachgewiesen werden, wird dies vermerkt. Fremdsprachliche Zitate und Paraphrasen werden im Apparat übersetzt. Anspielungen, Paraphrasen und ,,geflügelte Worte“ werden nur überprüft, wenn sie a) deutlich erkennbar sind, wenn b) ein enger sachlicher Zusammenhang besteht und c) wenn eine Erläuterung notwendig ist. Bei der Bibliographierung wird die abgekürzte (amerikanische) Form genutzt.

 

 
 

 

 

Plan der Ausgabe

Band 1:   1875—1892: Eine höchst nötige Antwort auf die höchst unnötige Frage: ,,Was ist studentische Reform“; De Jove  Ammone quaestionum specimen Schriften Rezensionen

Band 2:   1887: Gemeinschaft und Gesellschaft

Band 3:   1893—1896: ,,Ethische Cultur“ und ihr Geleite; Im Namen der Gerechtigkeit; L‘évolution sociale en Allemagne;    Hobbes Schriften Rezensionen

Band 4:   1897—1899: Der Nietzsche-Kultus; Die Wahrheit über den Streik der Hafenarbeiter und Seeleute in Hamburg; Über die Grundtatsachen des socialen Lebens Schriften Rezensionen

Band 51900—1904: Politik und Moral; Vereins- und Versammlungsrecht wider die Koalitionsfreiheit; L‘évolution sociale en Allemagne (1890—1900) Schriften

Band 6:   1900—1904: Schriften Rezensionen

Band 7:   1905—1906: Schiller als Zeitbürger und Politiker; Strafrechtsreform; Philosophische Terminologie in psychologisch-soziologischer Ansicht Rezensionen

Band 8:   1907—1910: Die Entwicklung der sozialen Frage; Die Sitte Schriften Rezensionen

Band 9:   1911—1915: Leitfaden einer Vorlesung über theoretische Nationalökonomie; Englische Weltpolitik in englischer Beleuchtung Schriften Rezensionen

Band 10: 1916—1918: Die niederländische Übersee-Trust-Gesellschaft; Der englische Staat und der deutsche Staat; Theodor Storm; Weltkrieg und Völkerrecht; Menschheit und Volk Schriften

Band 11: 1916—1918: Schriften Rezensionen

Band 12: 1919—1922: Der Gang der Revolution; Die Schuldfrage; Hochschulreform und Soziologie; Marx; Der Zarismus und seine Bundesgenossen 1914 Schriften

Band 13: 1919—1922: Schriften . Rezensionen

Band 14: 1922: Kritik der öffentlichen Meinung

Band 15: 1923—1925: Innere Kolonisation in Preußen insbesondere der ehemaligen Provinzen Posen und Westpreußen; Soziologische Studien und Kritiken. Sammlung 1 . Schriften

Band 16: 1923—1925: Schriften . Rezensionen

Band 17: 1926—1927: Das Eigentum; Fortschritt und soziale Entwicklung; Soziologische Studien und Kritiken. Sammlung II; Der Selbstmord in Schleswig-Holstein [Schriften]

Band 18: 1926—1927: Schriften . Rezensionen

Band 19: 1928—1930: Der Kampf um das Sozialistengesetz 1878; Soziologische Studien und Kritiken. Sammlung III . Schriften

Band 20: 1928— 1930: Schriften . Rezensionen

Band 21: 1931: Einführung in die Soziologie. Schriften . Rezensionen

Band 22: 1932—1936: Geist der Neuzeit . Schriften . Rezensionen

Band 23: Nachgelassene Schriften

Band 24: Gesamtbibliographie und -register